Interview zu dem Thema
"Kunst und Provokation"
mit Pedro Hafermann

Interview mit Pedro Hafermann und einem Oberstufenschüler zu dem Thema Kunst und Provokation.
(Original: facebook.com/note.php?note_id=253844811329825)

Hallo Pedro.
Hallo.

Ich weiß, du bist ein hervorragender Porträtmaler.
Dann weißt du etwas, was ich nicht weiß. Erster Punkt an dich.

Deshalb ist es mir eine große Ehre, dieses Interview mit dir führen zu dürfen.
Sieh es weniger als Ehre. Ehre ist heutzutage in unseren Breitengraden nicht viel mehr als eine leere Worthülse für Unterwürfigkeit und Schmeicheleien. Das war vor 100 Jahren vielleicht anders, ist aber mittlerweile unzeitgemäß geworden. Und selbst wenn du dieses Interview vor 100 Jahren gehalten hättest, würde ich mir den Begriff Ehre verbitten. Ich bin ein Mensch wie jeder andere – mit dem kleinen Unterschied, dass ich gesprächsbereiter bin als viele andere. Somit ist es nicht besonders schwer, von mir ein Interview „gebilligt“ zu bekommen. Man muss nur anfragen und hoffen, dass ich Zeit habe, was momentan nicht sehr unwahrscheinlich ist, da ich nicht erwerbstätig bin. Sieh es als bereichernde Lebenserfahrung. So sehe ich auch immer alles.

Auf deiner Homepage sind einige „normale“ Porträts zu finden, jedoch möchte ich mit den folgenden Fragen hauptsächlich auf deine „kritischen“ und provokanten Bilder eingehen.
Woran beurteilst du, welches meiner Bilder kritisch oder provokant ist oder nicht?

War es ein großer Schritt, dich in deiner Kunst selbstzuverwirklichen und dich zu trauen, Bilder zu malen, die nicht der allgemeinen Norm entsprechen?
Nein. Tatsächlich ist das für mich keine Frage des Mutes. Ich könnte mich jetzt wie ein dahergelaufener 08/15-Möchtegern-Künstler selbst beweihräuchern und behaupten, dass ich malen MUSS, dass ich nicht anders KANN als malen. Und dass diese besonders kritischen und besonders provokanten Bilder aus mir herausgeschrien werden müssen. Das aber, obwohl auch darin ein Körnchen Wahrheit liegt, ist genauso schwachsinnig, wie zu behaupten, dass das Malen ein großer Schritt des Mutes wäre. Es ist einfach so, dass ich gelegentlich Lust dazu habe, etwas zu malen. Das ist genauso wie wenn jemand Lust hat, Musik zu hören. Es gibt gewisse Leute, die behaupten, verrückt zu werden, wenn sie keine Musik mehr hören könnten. Niemand würde wirklich verrückt werden, wenn er keine Musik mehr hören könnte, aber sicherlich ziehen die Leute, die das behaupten, ein Leben mit Musik einem ohne Musik deutlich vor. Wer viel Musik hört, wird seine Hörgewohnheiten verändern und irgendwann qualitativ hochwertigere Musik hören als andere und sich an einem bestimmten Stil, einen Musikgeschmack, festhören. Dem einen sind dann kritische Texte wichtiger und dem anderen ein möglichst fetter Beat, sag ich jetzt mal so. Genauso ist das mit dem Malen auch. Je mehr ich male, je wählerischer werde ich mit dem, was ich male. Ich bin sozusagen ein Gourmet meiner eigenen Malerei.

Wie bist du zu deinem heutigen Stil gekommen?
Learning by doing. Trial and error.

Welche Rolle spielen Nacktheit, entstellte Gesichter, Religion in deinen Bildern?
Ich male keine entstellten Gesichter. Religion hat in meinen Bildern allenfalls die Bedeutung, die der Betrachter hereinlegt. Ich selbst male (auch wenn ich mal einen männlichen und einen weiblichen Christus in Golgatha rumbaumeln lasse) nicht religiös motiviert. Mystisch, ja, gelegentlich, aber nicht religiös. Nacktheit kommt vor, das ist richtig. Ich kann da jetzt natürlich zu jedem Bild, in dem nackte Personen dargestellt werden, seitenlang ruminterpretieren und rumanalysieren und mein Werk somit in Form von leicht verdaulichen Häppchen erklären, aber das mache ich nicht. Ich werde die Frage stattdessen so beantworten, auch wenn das nur eine Teilantwort ist: Ich male ganz einfach lieber nackte weibliche Körper als angezogene weibliche Körper, und das, obwohl ich anzügliche Witze mag. Aber wir kommen ja später noch dazu, inwiefern ich Bedeutungen in Bilder lege, welche und wie.

Was denkst du über die heutige Entwicklung der Provokation in der Kunst, welche Rolle spielt sie und ist es von Vorteil in der Kunst zu provozieren?
Ich bin der Meinung, dass Provokation im herkömmlichen Sinne nie wirklich DIE zentrale Rolle innehatte, die man ihr gelegentlich beimisst. Provokation um ihrer selbst willen ist unkünstlerisch und wirkt immer gewollt. Wenn ein Schauspieler das Gemisch aus Kakaopulver und Kartoffelbrei auf die Bühne kackt, so erntet das allenfalls angewiderte Gesichter und ein Gähnen. Außerdem kann man auf diese Art und Weise wirklich nur dann schockieren, wenn es etwas noch nicht gegeben hat, und Kartoffelbrei und Kakaopulver gibt es schon, solange es das moderne Theater gibt. Demzufolge müsste man schon einen unbeteiligten Menschen aus dem Publikum erschießen oder ein minderjähriges Kind auf offener Bühne vergewaltigen, um wirklich zu schockieren. Aber das will ja keiner. Und auch das wäre an sich langweilig, allerhöchstens die Reaktionen aus dem Publikum wären interessant. Provokation kann manchmal ein Nebeneffekt von guter Kunst sein (ist aber auch nicht notwendig). Weil die Kunst sich mit etwas beschäftigt und dann ein Bild oder eine Metapher dafür findet, bei dem sich manche Personen angegriffen fühlen. Dieser Nebeneffekt wird, so lange es Kunst gibt, nicht verschwinden. Ob es von Vorteil ist zu provozieren (wenn es nicht nur Aufmerksamkeitsheischerei ist)? Nun, wenn sich Leute angegriffen fühlen, heißt das doch nur, dass die Kunst eine Wunde berührt und etwas thematisiert, dass thematisiert werden sollte. Und das sollte doch das sein, was Kunst tut.

Diese „Provokation“ führt oft zu Missverständen, da die Botschaft oder der Sinn des Bildes vom Betrachter missverstanden wird und sich der Betrachter eventuell angegriffen fühlt.
Gegenfrage: Kann ein Bild überhaupt missverstanden werden? Ich glaube nicht. Wenn, dann kann ein Bild jemanden nicht erreichen, nämlich dann, wenn jemand es bewusst nicht zu sich sprechen lässt. Dann hat er es nur mit den Augen gesehen, aber nicht hingeschaut. Das kann auch durch Wut passieren. Das ist aber nicht Miss- sondern Unverständnis.

Welche Erfahrungen hast du damit gemacht bzw. hast du überhaupt solche Erfahrungen gemacht?
Ich musste mal ein Bild aus einer Ausstellung in einem Café abhängen, weil eine alte Dame etwas dagegen hatte, auf ein kleines Mädchen zu schauen, das sich durch den Kopf schießt.

Wie verhältst oder verteidigst du dich bzw. wie würdest du dich verhalten oder verteidigen wenn dich jemand wegen deiner Arbeiten angegriffen fühlt?
Ich habe ein gewisses Selbstvertrauen und kann damit leben, dass jemandem meine Sachen nicht passen. Ich habe nur etwas dagegen, wenn jemand mir sagt, dass etwas nicht gut ist ohne mir zu verraten, WARUM er diesen Eindruck hat. Ich erkläre aber immer gerne, warum sie mir dann trotzdem gefallen. Wenn man die gleiche Meinung hat, hat man sich nichts mehr zu sagen, deswegen finde ich es sogar GUT, wenn jemandem etwas nicht gefällt. Ich sehe gern alles aus verschiedenen Blickwinkeln.

Versuchst du in deinen Gemälden eine Botschaft an den Betrachter zu richten oder malst du schlicht für dich selbst aus ästhetischen Gründen?
Weder noch.

Ich teile provozierende Künstler in zwei Gruppen ein, solche Künstler die mit ihrer Kunst beim Volk ankommen möchten um Ruhm und Reichtum zu ernten. Sie gestalten ihre Bilder aus ästhetischen Gründen. Ich nenne diese Gruppe „weltlich provozierende Künstler“. Die zweite Gruppe, die „sinnlich provozierenden Künstler“, versuchen stets den Betrachter zur Veränderung und Erkenntnis aufzufordern, oft auch mit religiösen Zwecken.
Da sind wir mal nicht einer Meinung. Ich sehe das etwas differenzierter.

In welcher Gruppe würdest du dich sehen, oder würdest dich da nicht festlegen?
DOCH. Auf jeden FALL will ich mich da festlegen.

Steht der Inhalt, also der Sinn, oder die Ästhetik des Bildes im Vordergrund?
Das ist eine Frage, ja, aber ich werde stattdessen eine andere beantworten. Es gibt zwei Sachen, die ich nicht mag. Das eine sind Bilder, die eine klare Aussage haben und das andere sind Bilder, die keine klare Aussage haben. Bilder, die eine klare Aussage haben, sind langweilig; wenn man sich mit ihnen beschäftigt, kommt man nicht über ein „Was wollte der Künstler uns damit sagen“ hinaus. Das ist was für Schulunterricht, aber nicht für die Kunst. Bilder, die ich mag, eignen sich nicht für Musterinterpretationen. Bilder, die keine klare Aussage haben, sind Bilder, die entweder kommerziell orientiert sind (wie du schon sagtest), oder Bilder, die bewusst kryptisch und rätselhaft gehalten sind, sodass niemand etwas damit anfangen kann. Das ist einfach nur selbstverliebt und schwachsinnig. Ich mag Bilder, die mit einem Fragezeichen konnotiert sind, Bilder über die man sich Gedanken macht, Bilder, die etwas mit einem anfangen, Bilder, die in dir etwas ins Rollen bringen. Das heißt, die Bilder müssen klar in der Form sein und dir etwas sagen, selbst wenn du nicht der große Bildversteher bist. Das kann beispielsweise eine Stimmung sein. Es muss aber darüber hinaus einen Punkt geben, wo Meinungen divergieren können. Jeder darf darin etwas anderes sehen können. Natürlich ist klar, eine nackte Frau in einem Bett, die raucht und von Stofftieren umgeben ist, ist erstmal eine nackte Frau in einem Bett, die raucht und von Stofftieren umgeben ist. Für den einen ist das Bild einfach nur schön. Der andere sieht, Mensch, die sieht aber erschöpft aus, die Frau. Der eine bastelt sich ne Geschichte im Sinne von, du die ist jetzt bestimmt traurig und geschafft, weil punktpunktpunkt oder die hat Angst vor einer wichtigen Prüfung in ihrer Zukunft punktpunktpunkt für den anderen ist das ein Bild über das Leben selbst und die Schwere des Daseins, der andere erblickt darin die verlorene Kindheit in Form von Teddybären, das abgemagerte Mädchen, das sich darin zurücksehnt, das Rauchen als Zeichen von Abgezehrtheit und von verlorener Unschuld. (Das ist zumindest das interessanteste, was ich zu dem Bild gehört habe, und nein, das waren nicht die Gedanken, die ich mir zu dem Bild gemacht hatte, als ich es malte.

Was motiviert dich bei deinen Gemälden? (Musik, Religion, Erfahrungen oder hörst du einfach auf deine Fantasie?)
In einem Wort: MENSCHEN. Ach so, stopp, du fragtest ja nicht, was mich zu meinen Bildern inspiriert, sondern was mich an ihnen motiviert. Das tut mir leid. Aber gut, ich beantworte jetzt erstmal deine Frage: Mich motiviert an den Bildern, die ich gemalt habe, immer wieder, dass ich sie gemalt habe. Das ist wirklich eine großartige Motivation. Man fühlt sich immer so gut, wenn man weiß, das habe ich gemalt und ja, es sieht verdammt gut aus.

Ich weiß, dass du auch viel im Theater tätig bist.
Ja, da habe ich zwei Jahre fest gearbeitet und davor eigentlich auch schon. Jetzt arbeite ich dort nicht mehr, wobei man das so nicht sagen kann, da ich gestern beispielsweise dort auf freiwilliger Basis ein Konzert moderiert habe.

Hast du vor mit Malen, Schauspielerei oder mit einem anderen Beruf deinen Lebensunterhalt zu verdienen?
Weder noch. Ich habe nicht vor, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Warum sollte ich Geld verdienen, wo doch das Geld MICH nicht verdient hat? Derzeit bewerbe ich mich für den Studiengang Szenisches Schreiben. Dann würde ich offiziell Theaterstücke schreiben. Davon aber kann man nicht leben. (Ich selbst definiere mich überhaupt nicht durch meine Bilder, sondern durch das Schreiben. Es ist damit aber wie mit der Ehe: Wenn man zu lange auf der gleichen Frau liegt, wirds fad mit der Zeit. Und da die deutsche Sprache meine Ehefrau ist, die mir manchmal auch ordentlich auf den Senkel geht, wenn ich gerade sehr viel mit ihr zu tun habe, brauche ich gelegentlich mal die beflügelnde Affäre Malerei. Das aber ist tatsächlich nicht viel mehr als Fremdgehen. Aber ich fühle mich nicht schlecht dabei, schließlich verkauft sich meine Ehefrau ja auch ständig unter Wert.)

Deine Bilder haben auf mich den Eindruck gemacht, als würdest du mit deinen Bildern der Wahrheit ins Auge sehen und sie nicht verschweigen,
So hat jeder eben seine Eindrücke. Ich male manchmal auch sehr Unwahre Bilder. Nehmen wir mal das Bild mit dem Titel „Die Zweigeschlechtlichkeit des Todes“. Das ist einfach nicht richtig. Nur weil der Tod jeden Menschen trifft, heißt das ja noch lange nicht, dass der Tod ein Hermaphrodit oder Zwitter ist.

du malst Menschen nach ihrem inneren Zustand und nicht nach der äußeren Erscheinung.
Nein. Ich versuche, signifikante Blicke herauszuarbeiten. Was diese Blicke aber aussagen sollen, das male ich nicht. Das entsteht nur im Kopf des Betrachters. Du hast dann das Gefühl, ich wolle mit dem Blick etwas aussagen. Aber das stimmt nicht. Ich will nur, DASS er etwas aussagt. Und wenn ich merkwürdige Muster oder besonders deutliche Sommersprossen auf ein Gesicht lege, so geschieht das nicht, weil ich damit sagen will, dass der entsprechende Mensch so IST, sondern weil ich es spannend finde, ihn mal so zu sehen. Und zu schauen, was das mit dem Betrachter macht, wenn er den so sieht.

Ist dies deine Ambition oder habe ich das falsch verstanden?
Du hast mich auf jeden Fall so verstanden, wie ich verstanden werden will. Ich schaue genau hin und beobachte Menschen, weil mir Menschen sehr wichtig sind (und vor allem Frauen, weil mir Frauen sehr wichtig sind), und natürlich gibt es gewisse Themen am Menschsein, die mich fesseln und die ich dann in Bildern verarbeite. So bin ich in etwa von dem Thema „Distanz“, dem Thema „Fassade aus Stolz, hinter dem sich ein verletzlicher Mensch befindet, der unglaublich schwer zu erreichen ist“ fasziniert (weil ich so nicht bin). Das schlägt sich in vielen meiner Bilder nieder. So gesehen kann man also wiederum doch sagen, dass ich psychische Realitäten male und nicht physische.


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